Auf dem Heimweg haben wir gestern einen Waschbären getroffen; an den beiden vorherigen Tagen war es jeweils nur ein Fuchs, wenn auch stattlicher Figur. Die Entfernung war jedoch immer so groß, daß wohl keiner von ihnen zu Hause erzählen konnte, er wäre Tootsie begegnet.
Waschbären finden hier optimalen Lebensraum (Mischwald mit ausreichender Wasserversorgung) und prima Schlafquartier, da sie gerne in verlassenen Dachsbauten wohnen.
Einem Dachs stand ich auch schon gegenüber; die Distanz betrug nur etwa 20 m. Wir haben damals beide beschlossen einander zu respektieren, und der Abstand zwischen uns vergrößerte sich wieder. Taktischer Rückzug!
Wenn es sich bei Neozoen um Tierarten handelt, die durch den Einfluß von Menschen umgesiedelt wurde (so auch der Waschbär), um anderen Orts seßhaft zu werden, beziehe ich den Beinamen auch auf mich.
Ein Mensch (näheres ist hierzu ja noch nicht bekannt) brachte mich von Illinois nach Deutschland, und ein anderer Mensch holte mich aus einem weit entfernten Tierheim. Ja, Neozoon paßt auf mich und das ist chic.
Viele schmücken sich derzeit mit der Vorsilbe „neo“, um Wortschöpfungen zu kreieren, deren Sinn schwer verständlich ist. Nehmen wir beispielsweise neo-konservativ, dann könnte ich aus meiner Sicht vermuten, es würde sich um einen temporären Futterwechsel gehandelt haben, nach dem man reumütig zu seinem alten Freßchen zurückkehrt.
Auf meinen französischen Freund Néo, der kurzzeitig von meinem Napf naschen durfte, könnte das ja gerade noch zutreffen. Was diese Wortkreation neo-konservativ tatsächlich bedeutet, hat bis jetzt noch keiner mit endgültiger Gewißheit herausgefunden. Dann doch lieber zweimal umgesiedelter Neozoon – und ich bin mir der Bedeutung bewußt.
Neo-liberal paßte natürlich auch zu mir, da ich andere aus meinem Napf naschen lasse, wohlwissend, daß mir dies garantiert mit einer extra Portion Leckerli vergolten wird. Ich tausche simples Futter gegen Leckerbissen ein, was mich doch glatt an die marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung im Neoliberalismus denken läßt. Da „neoliberal“ aber längst zu einem Modewort avancierte, das zu einem Deckmantel für alles und jedes herhalten muß, bleibe ich einfach Hund – ohne Definitionsproblematik.
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